Deutschland hinkt bei Digitalisierung hinterher

Smart, vernetzt, mobil. So beschreiben die Experten von ECC Köln den Konsumer der Zukunft. Ganz im Gegensatz dazu der Gesundheitssektor und auch die Apotheke. Die erreicht mit einem Index von 37 von 100 den letzten Platz. Experten führen Hürden im Bereich der Regulierung und der komplexen Rechtslage an. Wird nach der Bundestagswahl jetzt alles anders?

Rumms – die Überraschung war gelungen. Als um 18:00 Uhr die erste Hochrechnung über den Bildschirm flimmerte, rieben sich selbst Experten die Augen. Zwar waren allgemein Verluste für die SPD als Junior-Regierungspartner erwartet worden. Dass wir uns in den kommenden vier Jahren wohl zum ersten Mal mit einer Jamaika-Koalition auseinandersetzen werden, überrascht – und hat Auswirkungen auf viele Entwicklungen. So war noch am Sonntag über Helge Braun als Staatsminister für Digitales spekuliert worden. Allerdings hat gerade die FDP die Digitalisierung sehr groß ins Wahlprogramm geschrieben.

 

 

Digitalisierung im Gesundheitssektor: Deutschland hinkt hinterher.

In einer Studie von Kantar TNS im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft wurden einzelne Branchen nach ihrem Grad der Digitalisierung untersucht. Während die Informations- und Kommunikationstechnologiebranche bereits einen Index von 78 erreicht hat, und bis 2022 84 erreichen soll, gilt das Gesundheitswesen mit 37 (2022: 39) als einzige Schlüsselbranche als niedrig digitalisiert. Selbst Chemie und Pharma gelten mit 45 (2022: 49) noch als mittelmäßig digitalisiert. Wissensintensive Dienstleister zum Beispiel werden bereits heute mit 65 (2022: 68) als überdurchschnittlich digitalisiert eingestuft.

 

Digitalisierung lohnt sich

Immerhin 47 Prozent der Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft haben festgestellt, dass die Digitalisierung zu Kostensenkungen führt. Potenziale sehen die Autoren außerdem durch Künstliche Intelligenz, Big Data, Smart Services und durch effizientere bzw. neue Formen der Zusammenarbeit.

 

Hürden in der Regulierung

Genau hier liegt für viele Marktteilnehmer der Hase im Pfeffer. Auf dem DIGITAL GIPFEL in Ludwigshafen, auf dem unter den mehr als 100 hochkarätigen Teilnehmern viele Manager aus Top-Unternehmen und Spitzenpolitiker vertreten waren, wurden gesetzliche Hürden, die komplexe Rechtslage unter anderem beim Datenschutz und auch Strukturen bei den Krankenkassen als Hinderungsgründe genannt.

 

Neue Denkansätze

Dass der Markt bereits weiter denkt als die Regierung wird an einem Modell deutlich, dass das Hasso-Plattner-Institut (HPI) vorstellte. Als „radikal patienten- und bürgerorientierten Ansatz stellte HPI-Chef Christoph Meinel eine Gesundheitscloud vor, in die der Patient selbst seine Daten einstellen kann und dann gezielt Ärzten, Krankenhäusern oder Unternehmen zur Verfügung stellen kann. Interessant wird sein, inwieweit die Politik infrastrukturelle und regulatorische Hindernisse beseitigt.

 

Kunden sind viel weiter

Diesen alten Strukturen, die zum Beispiel im Kassensektor die Kostenübernahme von Fernbehandlungen verhindert, steht der smarte, vernetzte, mobile Shopper gegenüber über den jetzt das ECC Köln in einer Studie berichtete. Der rasante Anstieg der „wearables“, also digitaler Geräte, die privat genauso wie beim Sport medizinische Werte messen, sind nur ein Ausdruck. Bereits heute läßt sich ein rasanter Anstieg der mobilen Nutzung feststellen. Interessanterweise verschieben sich zwar die Anteile von stationärem und Online-Kauf. Gleichzeitig lässt sich ein Trend zum Multi-Channel-Verhalten ablesen. Für die Apotheke vor Ort bedeutet dies, dass sie in Zukunft nicht nur im Bereich der Zusammenarbeit mit Partnern wie Ärzten oder Kassen von der Digitalisierung profitieren kann. Gleichzeitig bieten die aktuellen und zukünftigen Warenwirtschaftssysteme und Module zu deren Erweiterung interessante Ansätze, den Ansprüchen mit digitalen Konzepten entsprechen zu können.