Digitalisierung: Besser aufgestellt, als viele glauben

Rx-Versandverbot, zunehmende Digitalisierung, Marktkonzentration – und quasi als Sahnehäubchen obendrauf noch der Einstieg des Online-Händlers Amazon: Glaubt man den Berichten der Presse, drohen die deutschen Apotheker in eine Art Schockstarre zu verfallen. Mehr als ein Grund, einmal genauer hinzusehen. Das hat zum Beispiel das Bad Homburger Beratungsunternehmen SEMPORA Consulting getan, die bereits zum 14. Mal die entscheidenden Akteure befragt und dazu 52 Entscheider von Pharmaherstellern, 210 Apotheker und 1.004 Endverbraucher befragt haben.

Vier Trends bestimmen die Erwartungen

Großes Erwartungspotenzial billigen die Befragten dem Online-Versandriesen Amazon zu. Bereits sechs Prozent der befragten Apotheker (in absoluten Zahlen knapp 13!) haben selbst bereits Erfahrungen mit dem Vertrieb nicht apothekenpflichtiger Arzneimittel über den Amazon Market-Place gesammelt.

 

 

1. Amazon hat Potenzial

Als Vorteil von Amazon wird insbesondere die Liefergeschwindigkeit und die Erfahrungen aus dem amerikanischen Markt eingeschätzt. Fachleute halten eine Übertragbarkeit auf den deutschen Markt jedoch für problematisch: Der bekannte Gesundheitsökonom Prof. Dr. Kaapke stellt dem gegenüber, dass das Apotheken„geschäft“ in Deutschland immer noch „lokales Business“ ist. Angesichts der im Unterschied zu den USA sehr geringen Distanzen hat der Versandhandel einen immer noch marginalen Anteil.

 

2. E-Commerce wird wachsen

Nichtsdestotrotz erwarten 78 % der Apotheker ein Wachstum des eCommerce und sehen zum Beispiel die Werbeausgaben von DocMorris als Treiber.

 

3. Rx-Boni und Rx-Versandverbot

Interessant in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Einstellung und Verhalten. Zwar vermuten viele Konsumenten, dass der Anteil des Versandhandels wachsen wird, allerdings lösen vier von fünf Endverbrauchern ihre Rezepte bei stationären Apotheken ein.

 

4. Digitalisierung des Apothekenmarktes ist nicht aufzuhalten

Nahezu einstimmig ist dieses Urteil sowohl unter den Herstellern als auch unter Apothekern: die Digitalisierung ist das strategische Zukunftsthema. Gleichwohl äußern 35 % der Hersteller und nur 18 % der Apotheker die Ansicht, dass ihr Unternehmen bereits gut aufgestellt sei.

 

Hier quietscht es

Interessant ist die Einschätzung, wo hier der Schuh drückt: Enormes Potenzial versprechen sich die Befragten von digitalen Einrichtungskonzepten, der bedeutung von Konsumenten- und Fachpersonalgerichteten Apps und Onlineschulungen.

 

Die Nadel sehen – nicht den Heuhaufen

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das Resumee des Autors der Studie, Tobias Brodkorb. „Gewinner werden die Marktteilnehmer sein, die Veränderung als Chance statt als Bedrohung wahrnehmen“. Denn betrachtet man die Angebote, Konzepte und Technologien, die sich bereits jetzt und zum Teil schon seit Jahren auf dem Markt befinden, so wird deutlich, dass die Digitalisierung bereits viel weiter vorangeschritten ist. Sicherlich gibt es noch Apotheken, die Personalplanung mit dem Planogramm vornehmen. Und es gibt Unternehmen, die mit Personaleinsatzplanung Ressourcen heben. Das digitale Rezeptmanagement ist ein weiteres Feld, das unter Integration weiterer Leistungserbringer wie Ärzte Potenziale birgt. Die digitale Sichtwahl etwa kann bereits heute schon weit mehr in die Verkaufsförderung wirken und nicht nur Papierpackungen durch digitale Abbilder ersetzen. Unabhängige Experten raten darum, keinen Trends hinterherzulaufen, sondern sich professionelle Unterstützung, nicht nur auf technischer Ebene, zu suchen, die zum Unternehmen passt und die Chancen aufzeigt: „Zukunft ist, was die Apotheker daraus machen“.