Ärztetag kippt Fernbehandlungsverbot
– der Inkubator für die Telemedizin

Die große Koalition und vor allem Gesundheitsminister Jens Spahn wollen die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben. Eine große Hürde bislang: Wer behandelt werden will, muss zum Arzt. Der Deutsche Ärztetag hat Anfang Mai das Fernbehandlungsverbot gekippt. Allerdings ist dies (noch) nicht mehr als ein erster Schritt. Klar wird jedoch: die Digitalisierung kommt – und sie kommt mit Macht.

Manche Revolution finden im hellen Licht der Öffentlichkeit statt – andere unter dem Radar. Insbesondere im Vergleich zu anderen Ländern in Europa hinkt Deutschland, was die Telemedizin betrifft, Dänemark, Norwegen, Schweden, aber auch Großbritannien und der Schweiz hinterher. Gerade in dünn besiedelten Ländern ist es einfach sinnvoll, dass Patienten per Video, Internet oder auch per Telefon mit ihrem Arzt in Kontakt treten, statt die weiten Distanzen bewältigen zu müssen. In Deutschland steht dem noch ein ganzes Bündel an Vorschriften entgegen. Eines davon: das sogenannte Fernbehandlungsverbot.

 

 

Den gordischen Knoten durchschlagen

Nach jahrelangen Diskussionen hat der 121. Deutsche Ärztetag dieses Fernbehandlungsverbot gekippt. Zwar untersagt dieses im Grunde „nur“ berufsrechtlich die ausschließliche Fernbehandlung eines Patienten, verlangt also, dass zu einem oder mehreren Zeitpunkten ein persönlicher Kontakt von Arzt und Patient stattfindet. In der Praxis verhinderte dieses Verbot jedoch eine ganze Reihe von Dienstleistungen, die im Ausland längst Standard sind. Denn durch das Verbot wird auch die Aufnahme telemedizinischer Leistungen in den Regelleistungskatalog der Krankenkassen drastisch erschwert. Der gordische Knoten: Fachleute sehen immer noch Risiken in der Fernbehandlung – zum Beispiel, weil der Arzt am Computer, Stand heute, nicht so einfach auf Laboruntersuchungen oder die Zweitmeinung des Kollegen zurückgreifen kann wie in der Praxis. Doch weil die Lösungen von den gesetzlichen Kassen nicht bezahlt werden, sehen Hersteller oder Entwickler wenig Anreize, entsprechende Lösungen zu entwickeln. Der Fall des Fernbehandlungsverbotes könnte darum als Inkubator für die Telemedizin werden.

 

Die logische Ergänzung moderner Bestell-Apps

Die Digitalisierung nimmt inzwischen auch in Deutschland mächtig Fahrt auf. Daran hat auch die Diskussion um die DSGVO nichts geändert. Ganz im Gegenteil: durch auch datenschutzrechtlich auf hohem Niveau stehende Applikationen sind endlich Lösungen möglich, die sowohl in Richtung Compliance als auch in Richtung Patienten-Convenience völlig neue, vor allem aber sichere Lösungen möglich machen.

 

Die Apotheke weiter denken

Ein echter Nachteil aus Patientensicht – insbesondere für Chroniker oder bei Bagatell-Erkrankungen: Erst muss ein Arzttermin vereinbart werden – was gerade bei Fachärzten langwierig sein kann – dann muss der Patient zum Arzt, bekommt dort ein Rezept, muss dieses in die Apotheke bringen und bekommt – hoffentlich – dort sein Medikament. Die Bestellung über WhatsApp war auch deshalb so beliebt, weil der Kunde so sicher sein konnte, dass sein Medikament auch in der Apotheke vorrätig ist. Experten berichten zudem von Patienten, die sehr bewusst Apotheken im Umkreis der Verordner aufgesucht haben, weil sie dort vermuten konnten, dass diese spezielle Medikamente führen. Kippt das Fremdbehandlungsverbot nun auch in der Praxis, schließt dies nicht nur die Lücke zwischen Arzt und Patient, sondern ermöglicht auch völlig neue Formen der Zusammenarbeit in Netzwerken.

 

Neue Strategien der partnerschaftlichen Zusammenarbeit denkbar

Bislang war die Struktur der Verordner im Umfeld der Apotheker ein wichtiger Faktor für die Sortimentsgestaltung der Apotheke. Die Frage ist, welche Rolle dies in Zukunft spielt: Muss der Patient für eine Behandlung mit entsprechender Verordnung nicht mehr persönlich zum Arzt, sondern erledigt dies eventuell schon online, dann ist der nächste, logische Schritt die Bestellung dieser Medikamente online. Allerdings hat dies nicht nur eine Dimension der Patienten-Convenience. Weil viele Patienten sehr häufig mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen, und diese mitunter von unterschiedlichen (Fach-) Ärzten verordnet werden, ist hier ein Medikationsplan aus Gründen der Arzneimittelsicherheit sinnvoll. Die Frage ist: wer führt diesen? Und wie kann sichergestellt sein, dass hier auch dem Datenschutz Rechnung getragen werden kann? Die Elektronische Gesundheitskarte (eGK), die genau dies tun soll, kommt hier immer mehr ins Gerede. Insbesondere, weil sie ein Lesegerät voraussetzt, über das kaum ein Patient verfügt.

 

Kammern müssen erst zustimmen

Schon seit Jahren ist das Fernbehandlungsverbot ein immer währendes Thema im Gesundheitswesen. Jetzt hat der Deutsche Ärztetag dieses Verbot gekippt. Dies heißt allerdings noch nicht, dass wir nun sehr bald mit neuen Leistungen rechnen können. Denn rechtlich liegt der Ball nun im Feld der Landesärztekammern. Experten rechnen mit ein bis zwei Jahren, bis dieser Prozess durchlaufen ist. Und auch auf Apothekerseite gibt es noch rechtliche Hürden. Hier erweist sich ein Gesetz noch unter der Ägide von Spahns Vorgänger Gröhe als Hürde: Durch das Vierte Gesetz zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften dürfen Apotheken verschreibungspflichtige Medikamente nur dann abgeben, wenn das Rezept nach einem persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient ausgestellt worden ist; nur in „begründeten Ausnahmefällen“ könne man davon abweichen.

 

In Europa schon lange Standard

In eher dünn besiedelten Gebieten wie Schweden oder Norwegen ist Telemedizin schon lange Standard. Hier können sich Patienten – um etwa älteren oder schwachen Menschen – die beschwerliche Anreise ersparen und per Telefon, Video oder Internet kommunizieren. Auch in der Schweiz und Großbritannien ist es schon lange möglich, dass ein Patient seinen Arzt rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag konsultiert.

 

Chancen nutzen

Die Landesärztekammer in Baden-Württemberg hat das Fernbehandlungsverbot gelockert, um Ärzten in Deutschland mehr Chancengleichheit gegenüber den Kollegen in der Schweiz zu ermöglichen. Hier nutzen Patienten bereits die Möglichkeit der digitalen Kontaktaufnahme. Höchst interessant daher auch für Apotheker: Denn einem Kunden, der bereits digital unterwegs ist, ohne Technologiebruch schnell und bequem die Bestellung seiner Medikamente zu ermöglichen, ist der nächste, logische Schritt. Und er bietet noch zusätzlichen Nutzen, wenn nicht nur die Bestellung, sondern auch das komplette Prozessmanagement der Rezept- bzw. Bestellbearbeitung digital in der Apotheke erfolgt.